NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben
Kreativ- und Kulturwirtschaft wird zur Leitbranche an Rhein und Ruhr
Düsseldorf. Nordrhein-Westfalen unternimmt besonders viele Anstrengungen, die Kreativwirtschaft zu fördern. Das Bundesland zwischen Rhein und Weser gilt vielerorts als innovative Vorzeige-Region. Wirtschaftsministerin Christa Thoben skizziert im business-on-Interview die Chancen und Perspektiven einer Zukunftsbranche.
Frage: Der amerikanische Professor Richard Florida hat die Wirtschaftstheorie der kreativen Klasse entwickelt, die besagt, dass die kreativen Köpfe einer Gesellschaft für Innovationen und Wachstum entscheidend sind. Was hat die „Creative Industries“ mit der Kreativwirtschaft in Nordrhein-Westfalen zu tun?
Christa Thoben: Ich sehe die beiden Begriffe weitgehend deckungsgleich. Kreativwirtschaft ist nicht nur Kunst, nicht nur Malerei, Tanz und Musik sowie deren Vermarktung. Es kommen auch Design, Mode, Architektur und ähnliche Branchen hinzu. Das ist die Kreativwirtschaft im engeren Sinne. Kreative Ökonomie geht weiter: Es ist die immer wichtiger werdende Fähigkeit, quer zur eigenen Branche zu denken, um zu innovativen Produkten und Verfahren zu kommen. Das darf man nicht den Ingenieuren überlassen. Wer den unkonventionellen Weg zulässt, hat die größten Chancen am Markt. Ein Beispiel: Bei der Gießerei-Technik geht es immer um Gewichtsreduktion bei gleichbleibender Festigkeit. Also hat man mit Backpulver experimentiert und siehe da, das Produkt wurde leichter und steifer. Konditoren wissen das, Ingenieure nicht in jedem Fall.
Viele Unternehmen schreiben sich auf die Fahnen, kreativ zu sein, aber welche Branchen und Märkte gehören tatsächlich zur Kreativwirtschaft?
Das Spektrum im engeren Sinne erstreckt sich über rund elf Branchen, die vom Verlagsgewerbe über die Architekten und Designer bis hin zu Mode, zur Werbung und zur Gamesbranche reichen. Allen gleich ist, dass Menschen schöpferisch tätig sind. Unter dieser Perspektive dehnt sich die Kreativwirtschaft – wie gesagt - in nahezu alle Branchen aus. „Kreativwirtschaft“ findet z.B. auch statt, wenn eine innovative Maschine durch Design eine bessere Handhabbarkeit und ein anspruchsvolleres Äußeres erhält.
Welche Bedeutung hat die Kreativwirtschaft für NRW?
Die qualitative Bedeutung als kreativer Motor für den Standort konnte ich schon deutlich machen. Hinzu kommt natürlich die erhebliche qualitative Bedeutung. Eine Auswertung für die NRW.BANK zeigt, dass 2007 in diesem Land 7,5 Prozent der Unternehmen und 3,3 Prozent der Beschäftigten auf die Kreativwirtschaft entfielen. Damit ist sie eine der wichtigsten Branchen in diesem Land.
Wo sehen Sie die Chancen für die Wirtschaft in NRW? Worin besteht die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit für NRW?
Die Chancen, die Kerne der Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit unseres Landes liegen darin, dass wir im Sinne Floridas die „drei T“ – Talente, Toleranz und Technologie – verinnerlichen. Wer offen für die Neuerer, für andere Lebensumstände und für die Technologie ist, der eröffnet sich Wachstumspfade. Die Kreativwirtschaft zeigt dies exemplarisch. Talente und Toleranz sind ihr inhärent, aber gerade die Offenheit für die Technologie gibt ihr oftmals erst eine erhebliche Dynamik. Das ist z.B. bei der Games-Industrie der Fall, aber man sehe auch die Beispiele aus der Musik, Medien und Design, wo die IT-Technologien völlig neue Wege eröffnen.
NRW gilt bundesweit als der Standort für die Kreativwirtschaft. Woran liegt es, dass bei uns besonders viele kreative Wirtschaftsbetriebe vertreten sind?
Die Kulturwirtschafts-berichte Nordrhein-Westfalen, aber auch andere Untersuchungen zeigen, dass sich die Kreativwirtschaft in diesem Land besonders an der Rhein-Ruhr-Schiene ausdehnt. Das kann man wahrscheinlich aus verschiedenen Perspektiven beurteilen. Ich will nur auf zwei Sachverhalte hinweisen: Zum einen haben wir im Rheinland und insbesondere in Köln das für die Entwicklung der Kreativwirtschaft notwendige urbane Milieu, in dem auch aus einer gewachsenen Kreativszene heraus die drei T gelten und wirken. Zum anderen haben wir das Ruhrgebiet, das sich in einem stetigen Wandel befindet und wo sich deshalb die Kreativnetze dynamisch entwickeln können. Die Landesregierung gibt hier Impulse, indem sie z.B. in Köln Projekte der Musikwirtschaft, in Düsseldorf die Mode oder in Essen die Designbranche fördert. Aber selbstverständlich hat man auch in anderen Regionen des Landes die Bedeutung der Kreativwirtschaft für die Innovationsfähigkeit der Unternehmen erkannt.
Was sind die besonderen Merkmale und Strukturen der Kultur- und Kreativwirtschaft?
Die Strukturen sind – einfach gesagt – im wirtschaftlichen Sinne sehr professionell, wenn man sich z.B. die Mode- oder Werbebranche ansieht. Aber es gibt viele Bereiche, in denen es sehr unkonventionell zugeht, zugehen muss. Hier kann professionelle Unterstützung erforderlich sein. Deshalb haben wir ein Clustermanagement Kultur- und Kreativwirtschaft eingerichtet, das als Impulsgeber- und Unterstützernetzwerk ausgebaut werden soll.
Die Kreativwirtschaft ist zu einem wichtigen Faktor wirtschaftlicher Entwicklung geworden. Welche wirtschaftlichen Fördermöglichkeiten und Projekte gibt es und wo besteht Optimierungsbedarf?
Das Spektrum der Hilfen ist sehr breit. Neben dem erwähnten Clustermanagement führen wir die sogenannten CREATE-Wettbewerbe durch, um landesweit förderfähige kreativwirtschaftliche Projekte zu identifizieren. Darüber hinaus gibt es mit den STARTERCENTERN, dem Beratungsprogramm Wirtschaft, der Kleingruppenförderung bei Auslandsmessen, dem Kreativwirtschaftsfonds der NRW.BANK viele weitere Instrumente der allgemeinen Wirtschaftsförderung, die auch von den Kreativen zu nutzen sind. Erwähnen möchte ich insbesondere das erfolgreiche NRW/EU.Mikrodarlehen. Mit einer vergleichsweise geringen finanziellen Unterstützung, die zwischen 5.000 und 25.000 Euro liegt, ebnen wir damit kreativen Köpfen den Weg in die Selbstständigkeit. Optimierungsbedarf sehe ich zunächst einmal vor allem bei den Kreativen, die oft die Instrumente nicht in Anspruch nehmen, weil sie ihnen aus ihrer Perspektive einer kreativen Existenzgestaltung zu formal und wirtschaftsnah erscheinen.
Was muss getan werden, um eine noch bessere Ausschöpfung der wirtschaftlichen Potenziale der Kultur- und Kreativwirtschaft zu erreichen?
Wir alle müssen lernen, Denkbarrieren und tradierte Handlungsmuster zu überwinden. Zu oft sind wir noch im Denken im Sinne von linearen Innovationen, d.h. in der Verbesserung der bereits bestehenden guten Ansätze verhaftet. Wir brauchen aber mehr Kreativität im Sinne von Sprunginnovationen, indem wir Themen, Technologien und Talente zusammen bringen, die „normalerweise“ nie zusammen kämen. Deshalb machen wir die Clusterpolitik, um die Handelnden in der Wertschöpfungskette einer Branche, aber auch mit anderen Branchen zusammen zu führen.
(Elita Wiegand führte das Interview)
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